Vor dem Zweiten Weltkrieg war Krakau die viertgrößte jüdische Gemeinde in Polen. Die rund 65.000 Krakauer Juden stellten etwa 25 % der Gesamtbevölkerung der Stadt. Sie lebten mehrheitlich in Kazimierz, einer ursprünglich eigenständigen Stadt, die erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Stadtteil Krakaus wurde.
Kazimierz erhielt seinen Namen von seinem Gründer, König Kazimierz dem Großen, der sich 1335 aufgrund der Enge innerhalb der Krakauer Stadtmauern entschied, in unmittelbarer Nähe eine neue Stadt zu gründen.
In der Vergangenheit trennte ein Seitenarm der Weichsel, dessen Verlauf heute der Dietla-Straße entspricht, Kazimierz von Krakau. König Kazimierz sah für die neue Stadt keine Nebenrolle vor, sondern plante dort unter anderem die Errichtung einer Universität.
Vom einstigen Reichtum des mittelalterlichen Kazimierz zeugen bis heute bedeutende Kirchenbauten wie die Kirche der Heiligen Katharina, die Fronleichnamskirche und die Kirche des heiligen Erzengels Michael.
Erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts verlegte die jüdische Bevölkerung in größerer Zahl ihren Wohnsitz nach Kazimierz. Infolge der Krakauer Pogrome von 1492 und 1495 wurden Juden aus Krakau vertrieben und siedelten sich vor allem im Bereich der heutigen Szeroka-Straße an.
Trotz einzelner Spannungen galt Polen im damaligen Europa als vergleichsweise toleranter Staat. Dies führte dazu, dass sich zahlreiche jüdische Gruppen unterschiedlicher Herkunft – aus Böhmen, Deutschland, Italien oder Spanien – unter anderem in Kazimierz niederließen und hier Schutz vor Verfolgung suchten.
Diese Zuwanderung verlieh der jüdischen Gesellschaft ein internationales Gepräge. Bereits in dieser frühen Zeit entstanden mehrere Synagogen. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts entwickelte sich Kazimierz zu einem bedeutenden Zentrum des jüdischen Geisteslebens mit Ausstrahlung weit über die Grenzen Polens hinaus.
Im Jahr 1558 einigte sich die jüdische Gemeinde mit dem Stadtrat darauf, die jüdische Siedlung durch eine Mauer von der christlichen Bevölkerung zu trennen. So entstand die sogenannte „Judenstadt“ („oppidum Iudaeorum“).
Dieses abgegrenzte Viertel bestand – trotz späterer Erweiterungen – bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Erst dann erhielten Juden das Recht, sich auch in anderen Teilen der Stadt niederzulassen.
Die vollen Bürgerrechte wurden der jüdischen Bevölkerung erst mit der Verfassung des Habsburgerreiches von 1867 gewährt. In dieser Zeit zogen wohlhabendere Juden und die Intelligenz zunehmend in andere Stadtteile und auch nach Krakau selbst.
Kazimierz entwickelte sich allmählich zu einem typischen osteuropäischen „Schtetl“, das vor allem von ärmeren und orthodoxen Juden bewohnt wurde. Bis 1939 blieb der Stadtteil in gewissem Sinne eine in der Vergangenheit verharrende Welt.
Mit der deutschen Besatzung änderte sich dies radikal. Durch die Errichtung des Ghettos in Podgórze und des Lagers in Płaszów führte der Weg für die meisten Juden in die Vernichtungslager Bełżec und Auschwitz. Nur etwa 10 % der Krakauer Juden, denen die Flucht gelang, überlebten den Holocaust.
Heute zählt die jüdische Gemeinde in Krakau nur noch etwa 140 Mitglieder, überwiegend ältere Menschen. Sie versammeln sich in der Remuh-Synagoge an der Szeroka-Straße zum Gebet und zum Austausch.
Kazimierz gehört heute – neben dem Ghetto in Venedig – zu den am besten erhaltenen jüdischen Stadtteilen Europas. Auf seinem Gebiet befinden sich noch sechs Synagogen sowie zwei Friedhöfe, darunter der Friedhof an der Remuh-Synagoge, der zu den ältesten in Europa zählt.
Darüber hinaus sind sogenannte „Bejt Stibel“ (jiddisch: Betstuben) sowie rituelle Einrichtungen wie eine Mikwe (rituelles Bad) erhalten.
Heute ist Kazimierz zugleich ein lebendiges Kulturzentrum mit Restaurants im jüdischen Stil, die traditionelle Gerichte und Klezmermusik anbieten. Jedes Jahr im Juni findet hier das Jüdische Kulturfestival statt. Musik erfüllt dann die Gassen, und es entsteht eine besondere Atmosphäre – auch wenn das Gefühl der historischen Leere weiterhin spürbar bleibt.
Das Jüdische Museum Galicja in Kazimierz bietet einen zeitgenössischen Blick auf die jüdische Vergangenheit Polens.
Die Ausstellung basiert auf Fotografien von Chris Schwarz († 2007) sowie Texten von Professor Jonathan Webber (UNESCO-Lehrstuhl für jüdische und interreligiöse Studien, University of Birmingham). Über einen Zeitraum von zwölf Jahren sammelten sie Material, das eine neue Perspektive auf die zerstörte jüdische Kultur in Polen eröffnet.
Die Ausstellung verbindet fotografische Dokumente noch sichtbarer Spuren jüdischen Lebens in Galizien mit erklärenden Texten und lädt zu einer reflektierten Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ein.