Die Synagoge Chewra Lomdei Misznajot ist das einzige jüdische Gotteshaus in Oświęcim, das den Zweiten Weltkrieg überstanden hat. Sie steht im historischen Zentrum der Stadt, unweit des Geländes des Stammlagers, und gehört heute zum Jüdischen Museum Oshpitzin.
Im Jahr 1939 lebten in Oświęcim etwa 14.000 Menschen. Mehr als die Hälfte von ihnen war jüdisch; die Schätzungen liegen bei 7.000 bis 8.000 Personen. Auf Jiddisch hieß die Stadt Oshpitzin.
Die Anfänge der jüdischen Gemeinde reichen in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts zurück. Eine Urkunde von 1588 dokumentiert die Übertragung eines Hauses und von Land für den Bau einer Synagoge und eines Friedhofs. Trotz zeitweiliger Beschränkungen entwickelte sich ein festes Gemeindeleben; volle Bürgerrechte erhielt die jüdische Bevölkerung 1867 unter österreichischer Herrschaft.
Vor dem Krieg gab es in der Stadt etwa zwanzig Synagogen und Bethäuser. Oświęcim war eine der ersten von der Wehrmacht besetzten polnischen Städte. In der Nacht vom 29. auf den 30. November 1939 brannte die Große Synagoge nieder; im Oktober 1939 wurde der Name der Stadt amtlich in „Auschwitz“ geändert.
Die Synagoge Chewra Lomdei Misznajot entstand um 1913. Sie gehörte einem Verein, dessen Mitglieder sich dem gemeinsamen Studium der Mischna widmeten; daher der Name. Während der Besatzung nutzten die Deutschen das Gebäude als Lager, unter anderem für Munition. Es blieb als einziges der jüdischen Gebetshäuser der Stadt stehen.
1998 wurde die Synagoge an die Jüdische Gemeinde Bielsko-Biała zurückgegeben. Es war die erste Rückgabe jüdischen Gemeindeeigentums in Polen. Nach der Restaurierung wurde das Gebäude im September 2000 wieder eröffnet.
Zur Anlage gehören heute mehrere Gebäude. Im Haus der Familie Kornreich befindet sich das Jüdische Museum mit einer Ausstellung über das Leben der jüdischen Einwohner von Oświęcim vor dem Krieg: Fotografien, Gegenstände und Zeugnisse ehemaliger Bewohner.
Im benachbarten Haus lebte Szymon Kluger, der letzte jüdische Einwohner der Stadt. Das rund hundert Jahre alte Gebäude beherbergt heute das Café Bergson mit regionalen Produkten und einem Kulturprogramm.
Die Synagoge selbst ist restauriert und für Besucher zugänglich.
Der Ort ergänzt den Besuch der Gedenkstätte um eine Perspektive, die dort fehlt: die Stadt vor dem Lager. Jüdisches Leben prägte Oświęcim über Jahrhunderte, bevor der deutsche Name der Stadt zum Synonym für den Massenmord wurde. Wer beides nacheinander sieht, erkennt genauer, was zerstört wurde und wer die Menschen waren, die hier gelebt haben.
Für Gruppen eignet sich der Besuch als kurzer, ruhiger Baustein vor oder nach der Gedenkstätte. Er benötigt weniger Zeit als das Lagergelände und verlagert den Blick von der Vernichtung auf das Leben, das ihr vorausging.
Adresse: Plac ks. Jana Skarbka 5, 32-600 Oświęcim. Geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr, geschlossen an jüdischen Feiertagen. Der Eingang zum Museum und zur Synagoge führt durch das Café Bergson. Prüfen Sie vor dem Besuch die aktuellen Besucherinformationen des Museums.
Für die Reiseplanung: Gedenkstättenfahrt nach Krakau und Auschwitz. Fragen Sie bei der Planung an, ob ein Besuch des Jüdischen Museums in Ihr Gruppenprogramm aufgenommen werden kann.